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Ein historischer Rückblick

Deutscher Seeflugwettbewerb 1926 in Warnemünde

Der "Deutsche Luftfahrt Verband e.V" (DLV) veranstaltete vom 12. bis 31. Juli 1926 in Warnemünde den "Deutschen Seeflug-Wettbewerb". Dieses Seeflugtreffen ist als das erste in die Geschichte des Seebades eingegangen, das wirklich stattfand.

Die Wiege der "Deutschen Wasserflugmaschinen-Wettbewerbe" (1912) stand nur wenige Kilometer westlich im ersten deutschen Seebad Heiligendamm. Als der Flugplatz Warnemünde 1914 Austragungsort des zweiten Deutschen Seeflugwettbewerbs werden sollte, kam die Mobilmachung zum I. Weltkrieg dazwischen. Offizielles Ziel dieses dritten Vergleichsfliegens für Wasserflugzeuge war die "Züchtung eines seetüchtigen, leistungsfähigen und betriebstüchtigen Postflugzeugs". Das Programm sah neben technischer Leistungsprüfung und einer Seeprüfung auch vier Streckenflüge über insgesamt 4000 km vor, die entlang der gesamten damaligen deutschen Ost- und Nordseeküste geflogen wurden.

18 Flugzeuge waren in Warnemünde gemeldet. Nur zwölf traten jedoch zu den technischen Leistungsprüfungen an, die am 12. Juli begannen. So hatte zum Beispiel die Stralsunder "Luft-Fahrzeug-Gesellschaft" (LFG) die Meldung ihrer beiden V 59 zurückgezogen und neben der V 60 die V 61 neu ins Rennen geschickt. Die Caspar C 29 ging während der Werkserprobung in Travemünde durch Vergaserbrand verloren. Per Bahn kam die Gerbrecht W 3 halbfertig und mit drei technisch eigentlich längst überholten Umlaufmotoren bei der Warnemünder Arado-Werft an. Hier wurde sie zwar noch fertiggestellt, aber nicht mehr rechtzeitig genug für den Wettbewerb.

Unter den zwölf schließlich für das Seeflugtreffen gemeldeten Maschinen waren allein fünf Heinkel-Typen, darunter die neu entwickelten Muster HE 5 und HD 24. Weitere Ausfälle forderten die Messflüge zur Steigleistungs-, Verbrauchs- und Geschwindigkeitsbestimmung. Am 17. Juli zerriss einem der beiden Flugboote des Typs Rohrbach "Robbe" kurz vor der Landung der Steuerbord-Propeller und zwang den Piloten zur Notlandung, die zweite "Robbe" schied vor den Streckenflügen nach einer Notlandung durch Motorschaden aus.

Am 24. Juli früh um sieben Uhr erfolgte der Start zum ersten Streckenflug über 946 km von Warnemünde über Heiligenhafen, Kiel-Bülk, Kiel, Holtenau, Rendsburg, Brunsbüttelkoog, Hamburg, Harburg, Cuxhaven, Neumark, Bremerhaven, Elsfleth, Bremen, Elsfleth, Bremerhaven, Außenjade-Feuerschiff, Wilhelmshaven, Wangeroog, Norderney, Borkum, Emden und Borkum nach Norderney. Aufgeführt sind hier alle Zwangslandepunkte und Wendemarken als Beispiel für eine Streckenführung, wie sie auch bei den nachfolgenden Etappen genau vorgeschrieben war. Ausgesprochen schlechtes Wetter mit Wind, Gewittern und Seegang ließen die Strecken zu einer harten Bewährungsprobe werden. Sie forderte in den nächsten Tagen von Maschinen und Besatzungen alles.

Die insgesamt vier Teilstrecken sollten an je einem Tag zurückgelegt werden, ein fünfter Tag diente zum Aufholen. Als auf dem ersten Flugabschnitt die Heinkel HD 24 mit der Wettbewerbsnummer 11 wegen eines aufkommenden Gewitters notlanden musste, erlitt sie einen Tragflächenschaden und wurde anschließend beim Einschleppen auf Spiekeroog zerstört. Die LFG V 60 war auf dem Rückflug vom Pech verfolgt. Die Flugzeugführer Haase und Kolbe waren am zweiten Tag wegen Motorstörungen zweimal bei Tönning zur Notlandung gezwungen. Sie konnten erst am 26. Juli erneut den Rückflug nach Warnemünde versuchen, der bei starkem Wind und Seegang 6 bis 7 erneut mit einer Notlandung endete.

Nach gelungener Notwasserung und etwa einstündigem Treiben wurde die Maschine durch eine starke See angehoben und von einer gleichzeitigen Böe auf den Rücken geworfen, wobei der Rumpf kurz hinter dem Beobachtersitz abbrach. Die Besatzung konnnte sich noch an den aus dem Wasser ragenden Schwimmern festhalten. Am nächsten Morgen konnnte nur der Begleiter Kolbe gerettet werden, Haase hatten nach etwa elfstündigem Treiben in der rauen See die Kräfte verlassen.

Insgesamt vier Flugzeuge gingen während der Streckenflüge verloren bzw. wurden so stark beschädigt, dass sie aufgeben mussten. Am vierten Tag konnte wegen Windstärke 8 überhaupt nicht geflogen werden. Ein weiteres Todesopfer forderte der Unfall des zweiten LFG-Musters V 61 auf der vierten Etappe. Durch eine Fallböe wurde die tief fliegende Maschine vor Misdroy in die See gedrückt, wobei die Schwimmer abrissen und das Flugzeug innerhalb von Sekunden versank. Dabei ertrank der Begleiter des Piloten von Reppert. Die Fülle der Vorfälle, Totalverluste und Todesopfer macht deutlich, wie schwer das anspruchsvolle Ziel des Wettbewerbs zu erreichen war. Keine der Wettbewerbs-Maschinen kam ohne Notlandungen oder Ausfälle über die Runden.

Insgesamt waren nach dem Streckenflug sechs Maschinen glücklich in Warnemünde gelandet, die hier am 31. Juli zur Seetüchtigkeitsprüfung antraten. Außer Konkurrenz beteiligten sich auch die Flugboote von Dornier und Rohrbach. Vorgeschrieben waren drei Landungen und Starts bei Seegang 4 und Windstärke 5 sowie das Rollen einer Acht. Gleich als erster erlitt der bis dahin führende Pilot von Dewitz mit der HE 5 b Schwimmerbruch und wurde von dem zur Bergung herbeieilenden Flugsicherungsboot versenkt.

Wolfgang von Gronau auf der Heinkel HE 5 a, der bis dahin auf dem zweiten Platz lag, absolvierte die geforderten Prüfungen schnell und sicher und gewann den Wettbewerb. Auf dem zweiten Platz landete die Junkers W 33 von Langanke, der sein Schwimmergestell beim zweiten Start beschädigte, nach Reparatur mit Bordmitteln aber die Bedingungen erfüllen konnte. Dritter wurde Spies auf der Heinkel HD 24. Auch er hatte einen Schwimmerschaden, konnte aber nach der Reparatur am Nachmittag die Prüfung beenden. Somit hatten nur drei Maschinen den Gesamtwettbewerb absolviert. Alle anderen schieden durch Verlust oder Schäden aus.

Für die Rostocker Firma Heinkel waren die ersten und dritten Plätze im Seeflugwettbewerb 1926 ein großer Erfolg. Heinkels Seemaschinen wurden zum Haupttyp der im folgenden Jahr in Warnemünde eröffneten "Deutschen Verkehrsfliegerschule" (DVS) und konnten auch erfolgreich exportiert werden. Die schwedische Marine baute sowohl die HE 5 als auch die HD 24 anschließend in Lizenz nach. Insgesamt betrachtet war gerade dieser dritte und letzte deutsche Wettbewerb für Seeflugzeuge ein wesentlicher Schritt zur Entwicklung hochseetüchtiger Wasserflugzeuge. Sie gaben auch den Anstoß, entsprechende Forschungseinrichtungen zu schaffen.

Dr. Volker Koos