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Sail-Kolumne

18.05.2009

Ein Blick ins Buch und zwei ins Hanse-Sail-Leben

Was hat die Hanse Sail mit Wissenschaft zu tun? Man könnte mit den Worten derjenigen antworten, die mit Respekt die Vorbereitung und Realisierung des großen Festes sehen.

Die Sailorganisation ist selbst eine „Wissenschaft“; sprich ein kompli-ziertes Ding, das man verstehen und beherrschen muss. Die Gegenmeinung, oft auch als politisches oder finanzielles Schutzschild bei der Frage hochgehalten, „Was ist dein Beitrag für die Hanse Sail, von der du auch profitierst?“ lautet: „Die Hanse Sail ist doch eh ein Selbstläufer“. Das ist ein Irrtum und er kann verheerende Wirkungen haben.

Natürlich ist die Sail weder eine Wissenschaft im eigentlichen Sinne noch ein Selbstläufer, selbst dann nicht, wenn der Wind günstig steht. Aber die „Selbstläufer-Ideologie“ ist auch deshalb gefährlich, weil mit ihr der Bazillus der Selbstzufriedenheit transportiert wird. „Es läuft seit 1991 prima, warum soll es nicht weiter so sein?“ Ein wirksames Mittel dagegen ist die Wissenschaft, der tiefere Blick hinter die Kulissen oder in die Köpfe und Herzen der Skipper und Besucher.

Über die Hanse Sail sind bisher mehr als zwei Dutzend studentische Abhandlungen geschrieben worden: Diplom- und Bachelorarbeiten oder größere Belege. Die jüngste Bachelorarbeit ist von der Rostockerin Anne Voß im Mai erfolgreich an der Fachhochschule Stralsund verteidigt worden. Und wie bei vielen ähnlichen Arbeiten, die in Kooperation mit dem Sailbüro entstanden sind, galt hier: „Ein Blick ins Buch und zwei ins Leben“. 

Die Absolventin der Fachrichtung „Freizeit- und Tourismusmanagement“ hat in der letzten Phase ihres Studiums ein halbjähriges Praktikum im Organisationsbüro der maritimen Veranstaltung absolviert. Das hat sie u. a. auch dazu genutzt, um empirische Untersuchungen für die Beantwortung der Frage zu nutzen, welchen Beitrag maritime Events, und so auch die Hanse Sail, im südlichen Ostseeraum für die Bewahrung und Popularisierung des maritim-kulturellen Erbes spielen. 

Befragt wurden vor allem Besucher, Mitsegler, Skipper und Crewmitglie-der. Umfragen haben, wir kennen es im Zusammenhang mit Wahlen, durchaus ihre Tücken und Überraschungen. Aber sie sind für die „Feinjustierung“ und für strategische Planungen der Hanse Sail unerlässlich und müssten, so ein Vorschlag von Anne Voß, eigentlich zu jeder Sail durchgeführt werden. Auch wenn sie nicht immer alle quantitativen Ansprüche an eine repräsentative Umfrage erfüllen können. Umfragen („Hätten Sie mal 10 Minuten Zeit?“) sind ein hartes Brot.

Der Blick ins Buch, sprich in die Bachelor-Arbeit, bringt für die Organisatoren angenehme Bestätigungen und Überraschungen, verweist aber auch auf Reserven. Einige Beispiele: Rostock hat die letzten zwei Jahrzehnte auf das richtige Pferd, sprich auf die Traditionsschifffahrt, gesetzt. Die Schiffe und die damit verbundene Atmosphäre sind der Hauptgrund, warum die Besucher zur Sail kommen. 

Auf den weiteren Plätzen bei dieser Befragung mit möglichen Mehrfach-antworten folgen das Feuerwerk im Stadthafen und in Warnemünde, der Markt, die maritime Kultur, Konzerte und Partys. Diese Mischung erzeugt einen Gesamteindruck, den ein Viertel der Befragten als äußerst positiv, über 65 % als positiv und nur 10 % als durchschnittlich empfinden. Keiner der mehr als 130 Befragten hatte einen negativen Gesamteindruck.

Skipper und ihre Crews können recht gut Vergleiche zwischen den Hafenfesten ziehen, weil sie z. B. den Hamburger Hafengeburtstag, die Kieler Woche oder die Sail Bremerhaven kennen. Die Hanse Sail Rostock ist in diesem Vergleich durch ein ausgeprägteres maritimes Flair charakterisiert, hat in etwa den gleichen kommerziellen Charakter, kann aber nicht oder kaum im kulturellen Vergleich punkten. Der Blick ins Buch ist auch ein Motivationsschub. So und so.

Klaus-Dieter Block